was zwischen den orten geschah

in Deutsch D-A-CH2 months ago

zu jeder fotografie gehört eine geschichte. auch wenn die beiden, hier gezeigten bilder, harmlos daher kommen, so sind sie pole eines spannungsreichen ereignisses, welches sich zwischen den beiden festgehaltenen orten zutrug. im folgenden wird nun geschildert, was sich bei einer nächtlichen aktion ereignete, bei der hier und dort der eine oder andere kapitän an die wand gekleistert wurde. viel freude beim schmökern.

wahrlich unklug ist es, wenn bei nächtlichen aktionen ein strahlend weißer gegenstand mitgeführt wird, der schon von weitem sichtbar ist und geradezu um aufmerksamkeit bettelt. in einer eiskalten novembernacht in warschau, ist ein strahlend weißer eimer dennoch unser sichtbarer begleiter. ursprünglich hat dieser in einer schwarzen sporttasche platz gefunden. der nicht mehr richtig schließende deckel hat kurz zuvor bei einer kletteraktion zu einer riesigen sauerei geführt. so tragen wir ihn in der hand, dass es nicht erneut zu einer schweinerei kommt. die büsche und hecken scheinen das licht um uns zu verzehren. überall befinden sich schatten. wir sind ebenfalls ein dunkler schatten in der nacht. nur der weiße eimer strahlt, dem mond ähnlich, hell durch die finsternis. dabei scheint er das schwache licht der straßenlaternen in ein helles leuchten umzuwandeln. hinsichtlich der eisigen temperaturen rennen wir eine große dunkle und nahezu menschenleere straße entlang. wir hofften, dass uns wieder warm werden würde. zwei nicht zu ende gedachte bestandteile unseres handelns, die zwangsläufig zum interesse der warschauer polizei führten. jedoch in diesem moment ahnten wir noch nichts derartiges. während des besagten spurtes kommt uns ein blauweißes fahrzeug entgegen. etlichen sehr interessiert wirkende augenpaaren beobachten uns aus dem bus. das gefährt wird merklich langsamer und fährt in schrittgeschindigkeit an uns vorüber. bei der nächsten möglichkeit wendet der wagen um. glücklicherweise sind wir auf einer straße unterwegs, in deren mitte sich ein grünstreifen mit straßenbahnschienen befindet. so müssen die beamten eine gewisse strecke mit ihrem fahrzeug zurücklegen um überhaupt die richtung zu wechseln und dementsprechend dauert es eine weile, bis sie wieder auf unserer höhe angekommen sind. sie stoppen jedoch nicht um auszusteigen sondern fahren in langsamer geschwindigkeit erneut an uns vorbei. nach ein paar weiteren metern, die der polizeiwagen zurücklegt, hält er schließlich an. zugegebener maßen an einer strategisch klugen stelle, die wir passieren müssen. es besteht keine möglichkeit unbemerkt in irgendeine richtung von unserem ort zu verschwinden. durch den gewählten standpunkt haben die beamten die gesamte straße gut im blick. außerdem ist es ohne probleme von dieser position aus möglich, wieder die straßenseite zu wechseln. die situation, in der wir uns in diesem moment befinden lässt sich wohl sehr gut mit dem einfachen wort „prekär“ beschreiben. keine perspektive sich zu verziehen. also laufen wir zunächst ein paar meter weiter. wir warten an einer fußgängerbrücke, welche über die straße führt. die einzige stelle weit und breit, die von den beamten aus dem gefährt nicht eingesehen werden kann und uns vor ihren blicken schutz bietet. laufen wir über die brücke, bewegen wir uns direkt auf den blauweißen wagen zu. auch ein weiterlaufen oder zurücklaufen ist nicht möglich, ohne dabei aus dem fahrzeug beobachtet zu werden. jeder schritt führt direkt auf einen präsentierteller. egal welchen weg wir einschlagen, alle wege scheinen schutzlos, offen einsehbar und ohne fluchtmöglichkeit.
eine gefühlte ewigkeit verweilen wir in der eisigen kälte. außer warten können wir nichts tun. inzwischen hat der kleister an den rändern des eimers eiskristalle gebildet. schließlich hören wir, wie ein motor gestartet wird. ein vorsichtiger blick an der fußgängerbrücke vorbei. uns offenbart sich ein sehr langsam in bewegung setzendes fahrzeug. gemächlich rollt der polizeiwagen an. über die straße hin, wieder auf unsere seite zu. Scheinbar hat die neugierde die leute in dem gefährt gepackt und sie sind des wartens überdrüssig geworden. wir vereinbaren ein kommando: „1,2,3!“ wir sprinten los. ab auf die fußgängerbrücke. so schnell wie möglich auf die andere seite der straße. gerade die brücke überquert, offenbart ein flüchtiger blick erschreckendes. auf der fahrbahnseite, die wir nach unserem sprint erreicht haben, kommt schon wieder das polizeifahrzeug in unsere richtung. unsere fragende blicke treffen sich. ein erneuter sprint folgt. dieses mal jedoch nicht zurück auf die andere seite der straße. ein bewaldetes ansteigendes gebiet liegt direkt vor uns. es scheint einen geeigneten zufluchtsort darzustellen und führt von der straße weg. Endlich haben wir den wald erreicht. um schneller laufen zu können verstecken wir unseren verräterischen eimer. auch die anderen materialien lassen wir hinter bäumen zurück. zu dem zeitpunkt ahnen wir noch nicht, welche fatalen folgen diese entscheidung für uns haben würde. völlig außer atem kommen wir endlich oben auf dem hügel an. befreit von unserer verräterischen ausrüstung. die eiskalte luft macht sich in unseren lungen durch einen stechenden schmerz bemerkbar. auf der anhöhe suchen wir ein geeignetes versteck mit mehreren fluchtmöglichkeiten und einer guten sicht auf das, was unten in der nähe zur straße passiert. auf einmal hören wir, wie sich die türen eines fahrzeuges öffnen um danach zugeschlagen zu werden. kurze zeit darauf sehen wir zwischen den dunklen baumstämmen mehrere lichtkegel. die beamte aus dem gefährt durchsuchen jetzt die umgebung. vermutlich haben sie gesehen, dass wir ohne unser zeug zwischen den bäumen verschwunden sind. ich erschaudere mit einem mal: unter den zurückgelassenen materialien befindet sich die zimmerkarte des hotels. natürlich steht auf dieser in großen buchstaben der name der unterkunft geschrieben. doch inzwischen sind die lichtkegel soweit vorgedrungen, dass es unmöglich erscheint unbemerkt an den ort zurück zu gelangen, an dem wir die sachen zurückließen. sollen wir uns nun den beamten stellen? schließlich besitzen wir ja nicht viel mehr als einen eimer voller kleister, mit einem pinsel und papierbilder. oder ist es besser, einfach zu verschwinden und dann im hotel eine abhanden gekommene zimmerkarte zu melden? in diesem fall wäre jedoch der fund der zimmerkarte durch die polizei für sie eine direkte einladung zu uns in das hotel. unser wissen darüber, dass in warschau alleine trinken von alkohol in der öffentlichkeit schon den einen oder anderen unwissenden touristen hinter schloß und riegel brachte, macht die entscheidung nicht einfacher.
während der überlegungen erklingen auf einmal in der ferne sirenen und eine weitere frage stellt sich: wurde bereits verstärkung gerufen? gilt der klang der sirenen etwa uns? in deutschland, so wissen wir, wird die sirene bei nächtlichen einsätzen wenn leute auf der flucht sind und gestellt werden sollen gerne vermieden. verfolgen die polnischen kollegen eine gegensätzliche strategie? die situation wird immer beklemmender und nervenaufreibender. existiert überhaupt noch ein vernünftiger weg aus dieser situation heraus? in solchen momenten ist es schwierig überhaupt zu denken oder klare gedanken zu fassen, wenn im vorfeld weder das territorium erkundschaftet wurde, noch ein plan vorhanden ist, wie mit einer solchen lage umgegangen werden soll. kurze zeit später würde sich herausstellen, dass sich wenigstens die befürchtung der anfahrenden verstärkung nicht bestätigen wird. aber immer noch befindet sich das große fragezeichen in unseren leeren köpfen, wie wir am besten weiter vorgehen. wir treffen endlich einen entschluss. jemand von uns schleicht langsam und gebückt den hügel hinunter um auszukundschaften, welche aussicht besteht, wieder an unsere materialien zu gelangen. nach kurzer zeit ist die schwarze silhouette mit der dunkelheit eins geworden und lässt sich zwischen den bäumen nicht mehr ausmachen. minute um minute vergehen. trotz der spannung scheint die kälte nicht vom körper abzulassen sondern allmählich die oberhand zu gewinnen. in der ferne lassen sich zwischen den bäumen nur die suchenden lichtkegel der beamten beobachten. nach längerem warten bewegt sich ein schwarzer schatten langsam durch die dunkelheit. sekunden des bangens vergehen, die sich wie stunden anfühlen bis zu erkennen ist, wer dort durch die dunkelheit schleicht. kurz darauf erfolgt ein ernüchternder bericht des zurückgekehrten spähers. es existiert so gut wie keine möglichkeit unbemerkt wieder an unseren besitzt zu gelangen. diese information hat weiteres warten und frieren zur folge. noch immer überlegen wir, welcher weg uns am besten aus der kniffligen situation führt. unaufhörlich sind die polizisten mit den taschenlampen zwischen den bäumen unterwegs und durchsuchen die umgebung. plötzlich ertönt lauter lärm. die entfernten lichtkegel der taschenlampen bewegen sich auf einmal schneller. sie sind jetzt nicht mehr suchend auf den boden gerichtet und bewegen sich auf einmal alle in die selbe richtung. die beamten scheinen alle auf ein ziel zuzulaufen. der ort von dem der lärm ertönte. ihr ziel liegt nun in einer anderen richtung. es ist der parkplatz eines tanzklubs, ein paar hundert meter entfernt. endlich! das ist unser moment. unsere gelegenheit um zurück an unsere sachen zu gelangen. wir rennen so schnell es geht den hügel abwärts. hin zu den orten an denen wir unsere sachen vermuten. mit erschrecken müssen wir feststellen, dass sich nur der strahlend weiße eimer auf anhieb finden lässt. haben die polizisten unsere anderen sachen bereits gefunden und mitgenommen? kurz zuvor aufgekeimte hoffnung ist mit diesem gedanken rasch verflogen. fieberhaft durchsuchen wir das gelände unweit der polizisten, die gerade mit einem anderen fall beschäftigt sind. es lassen sich die anderen dinge mitsamt der hotelkarte einfach nicht mehr aufspüren. ständig wandert der blick vom dunklen boden hinüber in die richtung, in der die beamten stehen. diese sind glücklicherweise immer noch mit einem akuteren problem beschäftigt. die unzähligen schatten, das spärliche licht und die unebene beschaffenheit des bodens erschweren die suche. mit jeder minute schwindet die zuversicht eines erfolgserlebnisses. doch dann nach längerer verzweifelter suche halten wir letztendlich die anderen vermissten gegenstände in der hand und verschwinden zwischen den bäumen in der finsternis, den hügel querfeldein hinauf laufend.
gestoppt hat und dieses erlebnis nicht. keine drei straßen weiter, nach dem wir wieder festen asphalt unter den schuhen verspüren, ist eine weitere interessante wand, die etwas von unserem kleister erhält und von der kurz darauf ein weiteres konterfei die straße entlang blickt. in dieser nacht passiert nichts außergewöhnliches mehr, doch der darauffolgende tag wird am ende keine chance bieten, den warschauer polizisten zu entkommen.

dieser erlebnisbericht mit zahlreichen weitere anekdoten, sowie urbane dokumentation bestehend aus philosophischer abhandlung und schreibmaschinenlyrik ist hier im Brot&Kunst Verlag erschienen und erhältlich.

Sort:  

Der Kopf benötigt zwar (wie immer) eine gewisse Zeit, um die konsequente Kleinschreibung als "Normalität" zu akzeptieren, doch er überwindet auch diese Hürde. (Bei aufkommender Neugier verbleiben ihm auch keine erwähnenswerten Alternativen.)
Wenn ich die Schilderung der chronologisch aufgearbeiteten Momentaufnahmen in einen Vergleich einbeziehe, bedauere ich, dass du dem letztlichen Auffinden der fast schon verloren geglaubten Utensilien die notwendigen Zeilen verweigerst. Da kommt dann Neid gegenüber dem Polizeiauto, der Fußgängerbrücke und dem Asphalt mit begrüntem Mittelstreifen auf. Dem hektischen Suchen in der Dunkelheit wäre (meiner Ansicht nach) eine detailliertere Schilderung zugutegekommen. Zumal sich mir die Frage aufdrängt, wieso man den weißen Eimer zuvor aus großer Entfernung spotten konnte – und dann doch nicht mehr?
Bei der nächsten Episode kommen dann hoffentlich auch die Knüppel, Handschellen und die Abschiebehaft zum Einsatz.😉

ganz herzlichen dank für das lesen (trotz der ungewohnten normalität😉) und den kommentar!
der eimer ließ sich schnell finden. da aber mehrere leute in den wald flüchteten und auseinanderliefen, befanden sich die gegenstände letztlich an unterschiedlichen punkten und der weiße eimer konnte den weg zur schwarzen sporttasche nicht weisen.
die episode mit der polizei muss noch geschrieben werden. mal sehen, wann das passiert. zunächst kommen voraussichtlich noch ein paar andere texte.