Effektiv und haarscharf am Parlament vorbei.
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Am nächsten Morgen ist dann das zufriedene Zurücklehnen reine Chefsache.
Während man sich in Deutschland gerade einen neuen Bundeskanzler (oder Kanzlerin) schnitzte und im Parlament nicht nur Stühle gerückt, sondern auch abgebaut wurden, saßen im nördlichen Kroatien ein Häufchen Landwirte bei Wein, Schnaps, Brot und geräuchertem Speck zusammen, vergeudeten nicht einen winzigen Gedanken an die Großkopferden im Zagreber Parlament, sondern beschränkten sich uneingeschränkt auf das Schmieden von Nägeln mit stabilen Köpfen. Diese handlichen Gegenstände sollten nämlich noch von großem Nutzen sein, da Entscheidungen anstanden, die weit über das hinausgehen sollten, als das Verabschieden von neuen Gesetzen und Vorschriften, an die sich ohnehin niemand hält.
Was ließ also die Köpfe derer rauchen, die sich an jenem Sonntagmorgen schwerwiegenden Problemen annäherten, während ihre Ehefrauen in der örtlichen Kapelle Neuigkeiten, sorgsam gebunkerte Medikamente oder Kochrezepte austauschten und alle paar Minuten den Diskurs unterbrachen, um im Einklang mit einem lauten »Amen« dem Priester Zustimmung zu signalisieren? So viel sei schon einmal verraten – es stand nicht wie üblich das Tüfteln an Möglichkeiten an, wie knapp an der Legalität vorbei Agrarsubventionen für die Kälber abgerufen werden, die längst die Bekanntschaft mit dem Schlachter machen mussten. Nein, an diesem Tag wurden Probleme in Angriff genommen, die über die Dorfgrenzen hinweg noch für Gesprächsstoff sorgen sollten.
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Wie wohl nicht ungewöhnlich in jedem Staat, der sein Territorium in Landkreise unterteilt hat, bleiben kleinere Reibereien zwischen den einzelnen Regionen nicht aus, wenn es um die Verteilung der Gelder aus dem Staats- oder gar dem Europatopf geht. Warum sollte also ausgerechnet vor meiner Haustür eine andere Partitur gespielt werden?
Demokratische Entscheidungen
Die kleine Oase der Ruhe, auf der ich meinen Ankerhaken in der lehmigen Erde eingegraben habe, fand nach dem Balkankrieg und der folgenden Neuausrichtung (in jeglicher Hinsicht) Unterschlupf im Zuständigkeitsbereich des Landkreises Zagreb. Dreihundert Meter von meiner Hütte entfernt, auf dem gegenüberliegenden Hügel, beginnt die Gemarkung des Landkreises Karlovac. Eigentlich ein Umstand, der keiner gesonderten Erwähnung bedarf und trotzdem der Fleck auf der Landkarte, an dem Überraschungen nie ganz auszuschließen sind.
Denn punktgenau an dem „Grenzübergang“ zwischen den Landkreisen ZG (Zagreb) und KA (Karlovac) haben sich vor langer Zeit drei größere Gehöfte angesiedelt, zu denen auch Weinberge von erheblichem Ausmaß zuzurechnen sind. Jene drei Ansiedlungen wanderten im Laufe der Jahre in den Besitz einer und derselben Familie. Als nur schwer erträglich und daher extrem störend erweist sich dabei der Status quo, dass der Hof des Patriarchen in den Grundbüchern von KA zu finden ist, während Tochter und Sohn das Auto-Kennzeichen mit den Anfangsbuchstaben ZG durch die Gegend chauffieren.
Auf den ersten Blick und für Otto Normalverbraucher ein Umstand, mit dem sich durchaus gut leben lässt. Wären da nicht die erheblichen Unterschiede zwischen den Landkreisen, was die Verteilung von Agrarsubventionen betrifft. Denn bevor aus ZG Zählbares ins Hinterland fließt, wird lieber schier endlos getrickst, bis mit diversen Fördergeldern Haushaltslöcher in und rund um die Hauptstadt gestopft werden können. Da (in krassem Kontrast dazu) der Kreis KA nahezu ausschließlich von ländlichen Aktivitäten getragen wird, weiß man sehr wohl, wo der Hebel anzusetzen ist und wie Wähler bei Laune gehalten werden.
Es wird so lange gebogen, bis es gerade ist
Wenn, abgesehen von der nahezu halbstündig wiederholten Wettervorhersage, den hier ansässigen Landwirt üblicherweise keine Nachricht im Radio wirklich interessiert, ändert sich das schlagartig, wenn die Kunde die Runde macht, dass Agrargelder zum Abruf bereitliegen. Solche Botschaften verbreiten sich noch schneller als die Nachricht vom Ableben eines Verwandten, Bekannten oder des Nachbarn. Bei der Beantragung solcher Gelder mag es kaum jemanden verwundern, wer zu solchen Anlässen meist weit vorn in der Schlange steht und um die beste Ausgangsposition ringt. – Selbstverständlich der alte Patriarch vom Hügel gegenüber. Dieser Mann sorgt grundsätzlich allen Eventualitäten vor. Vorausgedacht, angedacht oder einfach schlicht aus dem Gefühl heraus – Hauptsache unmissverständlich einen Fuß zwischen Tür und Angel im Gemäuer der Entscheidungsträger geschoben.
Nach dem Erlangen der Freiheit oder Souveränität des Staates (wie immer der Träumer es nennen möchte), ließ dieser mit allen Wassern gewaschene Mann kein einziges Jahr und keinen Besuch in der Kreishauptstadt verstreichen, bei dem nicht an bestimmten Stellen kleine Geschenke hinterlassen wurden. Zudem finden Ortsbegehungen des Landrats, des Bürgermeisters oder des einen oder anderen Ortsvorstehers, vornehmlich ihren feuchtfröhlichen Abschluss auf dem Hof des gewieften Strippenziehers. Für Essen und Trinken ist stets in bester Manier gesorgt. Da allerdings die Tochter und der Sohn das System bislang nicht wirklich richtig verstanden zu haben scheinen oder einfach keinen Zugang zu dem Begriff Korruption finden können, musste jetzt der Patriarch die Sache höchstselbst in die Hand nehmen.
Im Landkreis Karlovac kannst du nachweislich mit kulinarischer Völlerei punkten ohne Ende. In Zagreb hingegen machst du mit solchen Aktionen schlichtweg keinen Stich. Gefälligkeiten in der Landeshauptstadt gehen meist weit über ein Lamm oder ein Ferkel am Spieß hinaus. Daher musste dringend ein Weg gefunden werden. Vielleicht mit dem »Zuteil-kommen-lassen« von kleinen Aufmerksamkeiten an Entscheidungsträger. Möglichst gebündelt – also fachgerecht unter einen Hut gebracht.
Und hiermit sind wir bei dem einzigen Punkt auf der Dringlichkeitsliste angelangt, der die kleine Truppe an diesem Sonntagmorgen in die Gute Stube des Patriarchen trieb. Die Lösungssuche in Sachen „Grenzkorrektur“. Obwohl mir keine Einladung vorlag, noch meine direkten Nachbarn in die Entscheidungsfindung eingebunden waren, offenbarte sich mir bei Tageslicht und wolkenfreiem Himmel, dass man die „Sache“ dann doch zur eigenen Zufriedenheit geregelt hatte.
Grundlegende Veränderungen
Der Weg in die rosige Zukunft wurde bei vollkommener Dunkelheit und körperlichem Einsatz zweier „Leibeigener“ des Oberstrategens geebnet. Wie bei Veränderungen im Tiefbau üblich, mit an Bord die robuste Spitzhacke, eine Schaufel, ausreichend Wein und das Mineralwasser zur besseren Blutversorgung. Noch und rein zufällig mit im Gepäck, das gelb-schwarze Ortsschild des Dorfes am, von mir aus betrachtet, gegenüberliegenden Hanges gelegen. Nach circa dreihundert Metern (präzise ausgedrückt, am Haus seiner Tochter) endete die subversive Aktion mit dem Einbuddeln des kurzzeitig entwurzelten Ortsschildes.
Wer nunmehr dem Glauben anheimfällt, der Alte hätte damit nur Kosmetik betrieben, der irrt in der falschen Richtung umher – und dies wohl bis zum Tag der Verheißung. Wie viel Wein, Schnaps und ehemals lebendiges Material aus dem weiten Spektrum der Nutztiere den Besitzer noch in den kommenden Tagen wechseln werden? – Ich weiß es beim besten Willen nicht. So viel scheint allerdings gesichert. Die Tochter und der Sohn werden sich von ihren ZG – Nummernschildern innerhalb der nächsten Tage trennen. Und der Alte hat nur das getan, was getan werden musste.
Die Kehrseite der Medaille
Es geschieht gerade etwas, mit dem eigentlich niemand mehr rechnen konnte. Die, ihren in der Verwaltungsgemeinde Anfang nehmende und bis in die Dörfer reichende, bislang halbherzig geteerte, dafür überwiegend reichlich geschotterte und von Schlaglöchern geprägte Straße, soll (Gerüchen zufolge) im Landkreis ZG einen neuen Belag erhalten. Zum aktuellen Zeitpunkt ist an eine Weiterführung dieses Vorhabens über die Kreisgrenze hinweg nicht zu denken, da dort die dafür vorgesehenen Gelder bereits an anderen Stellen verbraucherfreundlich investiert wurden.
Die Aussicht, den dicken BMW zukünftig nicht mehr auf Schotter, sondern auf einem festen, schwarzen Belag bis an die Garage fahren zu können, scheint nach heutiger Sachlage für das besorgte Familienoberhaupt weiter entfernt denn je. Da allerdings erfahrungsgemäß bei solchen Eingriffen in die Infrastruktur die Vorgabe lautet – „geteert wird bis zum Ortsschild“, kann und will ich nicht mit endgültiger Sicherheit behaupten, dass mit dem Eintreffen der Walze und des Teers das Ortsschild nicht doch noch einmal andere Luft schnappen darf.
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Mein Fazit lautet daher:
Schafft einfach alle Landesgrenzen ab. Die betreffenden Anwohner regeln das nachts und ohne Streitereien.
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So kann außerhalb Deutschlands so manches unbürokratisch geregelt werden. Vieleicht ja auch der Endpunkt der Straßenerneuerung, wenns soweit ist. Oder es wird, dank der höheren Subventionen, der BMW gegen einen Range Rover getauscht, der besser für rustikale Strassenbeläge geeignet ist. Da wird sich schon eine Lösung finden.
Der Range Rover läuft hier unter dem Namen Fendt und präsentiert sich oft modern und windschnittig. 😉
#hive #posh
Um es mit den weisen Worten des Philosophen Dieter Bohlen zu sagen:
Du musst mir bei Gelegenheit näher erläutern, wer hier der Idiot ist und wie mannigfaltig das Farbspektrum des Philosophen Dieter Bohlen gefächert ist? Hat er sich auf das Weiß festgelegt oder weicht er auch zeitweise auf Hellgrün aus?
Die Botschaft lautet eigentlich wie folgt: Je stärker die Regulation von oben herab, desto einfallsreicher der Regulierte und korrupter der Regulator.
Auch nach längerem Nachdenken fällt mir kein nachvollziehbarer Grund ein, einen meiner Nachbarn als einen Idioten bezeichnen zu dürfen.
Ups, da habe ich alter weißer Mann das "Weise" mal wieder falsch geschrieben.